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Meine Tochter - jetzt 23 - fiel schon als Kind durch ihre Impulsivität, ihre Lügen und vieles mehr auf. Mein Wunsch, sie einem Therapeuten vorzustellen bzw. eine Erziehungsberatung in Anspruch zu nehmen, stieß bei meinem damaligen Ehemann auf massiven Widerstand, dem ich mich nicht zu widersetzen wagte. Stattdessen versuchte ich mir einzureden, dass sich dieses Verhalten mit zunehmendem Alter "auswachsen" würde.
Durch verschiedene Vorkommnisse in jüngster Vergangenheit wurde mir schlagartig klar, dass meine Tochter an einer dissozialen Persönlichkeitsstörung leidet. Obwohl ich seit Jahren beruflich täglich mit dieser Thematik konfrontiert bin, habe ich erst jetzt begriffen, was mit dem Mädel los ist.
Ich bin weder Psychologe noch Psychiater, aber nach allem, was ich über das Störungsbild weiß, ergibt der bisherige Lebenslauf meiner Tochter ganz plötzlich einen Sinn.
Um sie kurz zu beschreiben: Sie ist 23, hat ein Kind (15 Monate), lebt mit einem Mann (nicht der Vater des Kindes) zusammen, kommt mit ihrem Geld nicht klar, lügt (eigentlich lügt sie nicht, denn das Gelogene ist für sie real) und ist völlig außerstande, Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen. Immer sind andere schuld. Die Schule hat sie mit Ach und Krach abgeschlossen, ihre Ausbildung hat sie abgebrochen, weil ihr niemand einen Praktikumsplatz gegeben hat, wenn sie kein Geld hat, Essen zu kaufen, hat es ihr Lebensgefährte ausgegeben und der Lebensgefährte muss auch herhalten, wenn sie sich über mich ärgert. Dann heißt es nämlich „XY ist stocksauer“. Ich habe sie bisher im Rahmen meiner bescheidenen Mittel finanziell unterstützt, wenn es mal knapp wurde (und das wurde es regelmäßig, weil sie wöchentlich mehr Geld für ihr Hobby investiert („XY besteht darauf“), als sie sich leisten kann. Versuche ich, Kritik zu üben oder ihr auch nur einen Rat zu geben, reagiert sie immer gleich: Sie bricht das Telefonat ab („XY hat das Telefon aufgelegt“), meldet sich ein paar Tage nicht (und sagt sich per SMS von mir los) und ruft dann plötzlich (meist mit der Bitte um Geld) wieder an, als wäre nichts geschehen. Kein Wort der Entschuldigung, kein „sorry, das war ein Missverständnis“ – nein, eher ein: „Kannst du mir 20€ leihen, der Kleine braucht Windeln und XY hat das letzte Geld für Zigaretten ausgegeben.“
Vor 2 Wochen war es wieder mal so weit. Ich half ihr aus der Klemme, indem ich Schulden für sie bezahlte, weil der Gläubiger drohte, sie wegen Betrugs anzuzeigen. Ich fragte sie sogar noch, ob ich das tun oder das Geld lieber ihr geben sollte, worauf sie mir antwortete: „Mach halt, wie du denkst“. Zwei Tage später machte sie mich dafür runter, warf mir vor, mir sei alles und insbesondere sie und ihr Kind egal und kündigte an, dass sie ab sofort keine Mutter mehr hat. Erstaunlicherweise hat sie das übrigens bis jetzt durchgehalten.
Dann kam mir plötzlich, wie anfangs erwähnt, die Erkenntnis und mir wurde schlagartig klar: Sie kann sich gar nicht anders verhalten, selbst wenn sie es wollen würde – und für mich bleibt die Frage: Was soll, was kann ICH tun? Ihr die Hand reichen oder auf stur schalten? Ihr einen Therapeuten empfehlen? Mich zurückhalten und warten, bis sie wieder ankommt und tut, als wäre nichts gewesen? (Übrigens war sie schon mal bei einem Therapeuten, „der war aber blöd und hat gesagt, ich brauche nicht mehr zu kommen.“)
Es ist eben etwas anderes, ob ich im Beruf mit solchem Verhalten umgehe oder in meinem engsten Umfeld damit konfrontiert bin.
Natürlich liebe ich meine Tochter und habe immer zu ihr gestanden. Es geht mir nicht darum, sie zu bestrafen, ich möchte ihr helfen, so weit das möglich ist.
Wer hat Erfahrungen und würde sie mit mir teilen?
Ratlos,
blue |
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| cosmea |
Hallo Blue!
Ich habe keine direkten Erfahrungen dieser speziellen Art, aber dennoch hätte ich ein paar Gedanken zu dem was du schreibst. Vielleicht kannst du ihnen was hilfreiches abgewinnen, also hier sind sie :
- Eine psychosoziale Beratungsstelle kann dir vielleicht behilflich sein, was deine Reaktionen und den besten Umgang mit deiner Tochter angeht. Es ist sicher immer hilfreich, Gespräche mit neutralen Personen zu führen, aber sie könnten vielleicht auch "ein Auge auf deine Tochter werfen".
- Es gibt auch Selbsthilfegruppen für Angehörige psychisch kranker Menschen, vielleicht auch in deiner Nähe. Dort könntest du einen entsprechenden Erfahrungsaustausch finden.
- Wie geht deine Tochter eigentlich mit ihrem kleinen Kind um ? Das Aufwachsen mit einer instabilen Mutter ist kein Pappentstiel und kann nachhaltig schädlich sein.
- Der Partner deiner Tochter : hast du mal mit ihm gesprochen ? Wäre das evtl. sinnvoll und möglich ? Ist er wirklich vorgeschoben oder kann es auch sein, dass er Schwierigkeiten bereitet mit denen deine Tochter überfordert ist ? Was hast du für einen Eindruck von ihm ?
- Wieso ist die finanzielle Lage deiner Tochter so desolat ? Hätte sie vielleicht noch behördliche Unterstützungsansprüche (Wohngeld, Kindergeld usw.)? Finanzielle Sorgen und Abhängigketen wirken auch nicht eben stabilisierend... Vielleicht wäre es möglich, hier mal mit deiner Tochter gemeinsam zu überlegen, evtl. auch eine Beratung zu konsultieren. Wenn sie eigentlich genug Geld hätte : wofür geht es drauf ? Kaufrausch, Drogen ?
- Da deine Tochter volljährig ist wird es sicher äußerst schwierig für dich werden, ihr jetzt quasi gegen ihren Willen zu helfen. Es ist ja nun ihre Entscheidung wie sie leben will, formell betrachtet. Dennoch gibt es - denke ich - 2 Aspekte, die dich zum Handeln bewegen könnten/sollten :
1. Du selbst wirst involviert und belastet, mußt also einen Weg finden, der für dich geht. Du selbst benötigst Hilfe beim Umgang mit der Situation.
2. Ein Kleinkind ist involviert und wäre - wenn dein Verdacht richtig ist - potentiell in Gefahr, Entwicklungsstörungen zu erleiden und ungesund aufzuwachsen. Hier wäre dann allerdings ggf. auch das Jugendamt zuständig. Vieleicht mit Erziehungsunterstützung und Beratung ?!
Kannst du eigentlich über die Situation mit deiner Tochter sprechen ? Ich vermute, dass das "schwierig" ist (um es mal milde auszudrücken), aber vielleicht wäre es einen Versuch wert ? Gibt es noch andere Angehörige, zu denen deine Tochter ein vertrauensvolles Verhältnis hätte und die vielleicht unterstützen können ?
Immer nur ihre aktuellen finanziellen Probleme zu lösen halte ich persönlich auf Dauer für nicht sinnig, so wird sie nie selbständig und zur Verantwortung gezwungen.
Meine persönliche Ansicht ist : Erst wenn jemand wirklich selbst leidet unter seinem Weg, wird er versuchen, diesen zu ändern. Soange andere die Probleme lösen besteht dazu kein wirklicher Anlass. Deine Tochter ist kein Kind mehr, sondern ein erwachsener Mensch und muß vielleicht auch mal genau so behandelt werden. Es ist für eine Mutter sicher schwer, aber wieso entschuldigst du sie eigentlich so sehr ? Ihr mal auszuhelfen, wenns brennt : das ist sicher ok und zeigt mütterliche Zuneigung. Wenns aber immerzu brennt ? Sie ist selbst für ihr Leben zuständig und zwar auch dann, wenn sie dies selber so nicht sehen will. Auch wenn sie "krank" ist - dann ist sie dafür verantwortlich, für ihre Gesundheit zu sorgen. Speziell finde ich das, weil sie selbst ein Kind hat und es wäre ihr "Job", verdammt nochmal dafür zu sorgen, dass das Kleine gut aufwachsen kann.
Mir mach aber die Existenz des Kindes in dem ganzen Geschehen Sorge - schnell ist es geschehen, dass Kinder die Blitzableiter für die Eltern werden und zack - ist auch schon die nächste Generation wieder geschädigt.... DAS wäre für mich ein Grund zum Eingreifen. Und natürlich muß es dich auch verletzen, wenn du Sachen hörst wie "bist nicht mehr meine Mutter".... Ich wünsche dir Kraft !
und viel Glück !
Lieben Gruß
Cosmea |
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| blue |
Hallo cosmea und danke, dass du dich so ausführlich mit meinem Problem beschäftigt hast!
Die psychosoziale Beratungsstelle ist eine ausgesprochen gute Idee. Da sieht man mal, wie groß die Scheuklappen sind, die man trägt, wenn es um den privaten Bereich geht. Im Beruf wäre die Beratungsstelle vermutlich der erste Gedanke gewesen, wenn's um mich geht, komm ich nicht drauf. Ich werde wohl gleich in der kommenden Woche einen Termin vereinbaren.
Meine Tochter hat den Kontakt zu mir (und mittlerweile auch zu meiner jüngeren Tochter, die seit Mitte des Jahres wieder bei mir lebt) vollkommen abgebrochen. Mit ihr über das Thema zu reden war aber schon vorher nicht möglich. Entweder sie hat das Telefon aufgelegt, wenn ich etwas sagte, das sie nicht hören wollte, oder sie hat mir kleinlaut Recht gegeben, sich rumgedreht und dann das Gegenteil von dem getan, was wir besprochen hatten.
Mittlerweile hat sie sich mit ihren zukünftigen Schwiegereltern genauso verkracht wie mit ihrer besten Freundin und mir. Ich mag ihren Partner, aber der ist durch meine Tochter so gegen mich eingestellt, dass ich gar keinen Versuch mache, ihn zu kontaktieren.
Die finanzielle Situation ist nicht deshalb desolat, weil sie kein Geld hätte – nein, sie kann bloß nicht damit umgehen. Sobald sie Geld in den Fingern hat, muss es ausgegeben werden (könnte ja schlecht werden.) Und wenn mich dann um Geld bittet, tut sie das nie direkt und telefonisch sondern per SMS und mit dem Hinweis darauf, dass der Kleine Windeln oder sonst was braucht. Sie versteht es, mich so zu manipulieren, dass ich nicht nein sagen kann. Tue ich es trotzdem ist die Konsequenz, dass sie „keine Familie mehr hat.“
Drogen oder Alkohol sind meines Wissens kein Thema.
In den Wochen seit unserer Auseinandersetzung hat sie häufig Kontakt zu meinem Jüngsten (15), dem sie Lügen über mich erzählt, angefangen mit Aussagen wie „die Mama kümmert sich nicht um dich“ (er lebt bei seinem Vater), „die Mama bevorzugt unsere Schwester, wir sind ihr egal“ usw. Mein Sohn sitzt zwischen allen Stühlen und tut mir aufrichtig Leid. Gleichzeitig habe ich auch große Angst, dass sie ihn völlig zu Unrecht gegen mich aufbringt, denn ich habe immer versucht, meinen Kindern eine gute Mutter zu sein, obwohl sie bei ihrem Vater lebten. Er ist einfach nicht in der Lage, ihre Lügen zu durchschauen, nimmt vieles, was sie sagt, für bare Münze.
Je mehr ich hier über die Situation schreibe, umso klarer wird mir, dass meine Große tatsächlich an einer psychischen Störung leidet (und schon von Kind auf gelitten hat).
Wie sie mit ihrem Kind umgeht, kann ich nicht wirklich beurteilen, da sie sich in meiner Anwesenheit natürlich ganz anders verhält als wenn sie mit ihm allein ist. Tatsächlich mache ich mir um den Kleinen zunehmend Sorgen. Seit ich erfahren habe, dass meine Tochter jetzt einen 5-jährigen Pitbullmischling bei sich aufgenommen hat, bin ich entschlossen, das Jugendamt zu informieren. Offenbar ist dieses Mädel nicht in der Lage, die Gefahr einzuschätzen, die für ihr Kind von diesem Tier ausgeht. Selbst der friedlichste Hund schnappt vielleicht mal, wenn er von einem Kleinkind genervt wird – bei einem Pitbull kann dies im schlimmsten Fall tödlich ausgehen. Ein Gedanke, den ich kaum ertrage.
Ganz abgesehen davon, dass sie sich einen Hund (zusätzlich zu ihren 4 Katzen) rein finanziell gar nicht leisten kann.
Ich könnte hier noch seitenweise weiterschreiben und käme doch nie ans Ende, aber jetzt soll’s mal genug sein.
Liebe cosmea, du hast mir in der Tat sehr geholfen. Ich werde deinen Rat beherzigen und professionelle Hilfe suchen – um meiner Tochter und ihrem Kind zu helfen, aber auch, um mich selbst zu schützen.
Der Konflikt raubt mir viel Kraft, die ich für meinen Beruf brauche.
blue |
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| cosmea |
Liebe Blue !
Gern geschehen und ich freu mich, wenn ich dir helfen konnte.
Ein Gedanke noch : Sollte vielleicht auch der Vater deiner Kinder mal einbezogen werden ? Ließe sich das machen ? Speziell für einen Jungen mitten in der Pubertät ist "zwischen die Stühle geraten" gefährlich. Zumindest sollte doch der Vater mal an dieser Stelle eingreifen, oder !?
Lieben Gruß
Cosmea |
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| blue |
Hallo cosmea,
den Vater der Kinder kann man in diesem Zusammenhang getrost "vernachlässigen". Die betreffende Tochter ist sein "Charakterklon" - will sagen, wenn sie tatsächlich die von mir vermutete Störung hat, wovon ich stark ausgehe, je mehr ich darüber lese - dann hat sie sie von ihrem Vater ererbt. Die Parallelen sind frappierend. Im Grunde muss ich froh sein, dass die beiden jüngeren Kinder weitgehend ungeschoren davon gekommen sind, was die Verteilung der jeweiligen Gene anging.
Das Interesse meines Ex-Mannes an seinen Kindern endet dann, wenn sie ihm kein Geld (Unterhalt und Kindergeld) mehr einbringen. Die älteste Tochter ist aus dem Haus, ihre jüngere Schwester lebt (jetzt) bei mir - was unsere Große angeht, blockt er schon seit Jahren ab, vermutlich kann er es nicht ertragen, sich in ihr wiederzuerkennen. Seinen Enkel hat er genau 3-mal gesehen ...
Mein Sohn und ich haben jetzt ein Abkommen getroffen, das Thema "große Schwester" auszuklammern. Gegenüber seiner Schwester hat er sich gleichermaßen abgegrenzt, sodass er einen unbefangenen Umgang sowohl mit ihr als auch mit mir haben kann und nicht in die Zwickmühle gerät, als Informationsträger missbraucht zu werden.
Ich warte übrigens auf den Termin bei der Beratungsstelle - und das hat dein sanfter Schubs bewirkt. Dafür möchte ich dir noch einmal danken!
Liebe Grüße
blue |
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