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Ein Brief an meine ehemalige Therapeutin - Klicken Sie HIER um das ursprüngliche Thema anszusehen

    keyla
    ACHTUNG: triggert vielleicht, keine Sternchen

    Hallo und guten Abend,

    ich habe der Schweizer Therapeutin, wegen der bzw. dem, was zwischen uns passiert ist, ich in die schlimmste Krise der letzten 10 Jahre gerutscht bin in der Zeit kurz danach einen Brief geschrieben, einen poetischen, nicht abgeschickten, aber auch unvollendeten, auch in der "Du" Form geschrieben, ob wohl ich sie gesietzt habe...damals dachte ich noch, ich könnte die Fäden mit ihr nochmal aufnehmen, mittlerweile weiß ich aber, was für nicht wiedergutzumachende Fehler geschehen sind, die mich - das kann ich ohne Übertreibung sagen - fast den Verstand gekostet hätten.

    Der Brief ist auch nicht dazu gedacht, jemals abgeschickt zu werden (das hatte ich am Anfang hier nicht deutlich gesagt) sondern für mich mehr etwas, was die verstörten Gefühle ausdrückt, die ich damals empfunden habe und zum Teil immer noch empfinde, auch wenn ich sehr klar bin, dass diese Beziehung als therapeutische Beziehung nicht weitergehen kann.

    Es ist in der letzten Woche das erste Mal seit 10 Monaten gewesen, dass ich den eindruck hatte, ich kann mir die in diesem Schock darrüber verlorenen "Seelenanteile" - wie die Schamanen das nennen - vielleicht wieder zurückholen...

    Jetzt habe ich den Brief nochmal gelesen und wollte ihn hier einmal einstellen - er ist recht lang...ich weiß nicht ob jemand Lust hat, ihn zu lesen...aber irgendwie war es mir auch ein Bedürfnis,dass er hier steht.

    Liebe Grüße an alle verwundeten und unverwundeten Seelen!

    Keyla


    Liebe Ich-weiß-eigentlich-nicht-wer und sage deshalb nur "Du",

    Ich lege den Kopf in den Kummer hinein, es ist ein großer, ein weißer Kummer. Ein weißer Kummer und ein Wunsch zu Grünen. Es ist auch eine Liebeserklärung, eine Liebes- und eine Kummererklärung. Eine Kummererklärung und der Wunsch zu Grünen.

    Wie grünt etwas? Wie grünt etwas auf einer wunden Fläche? Ich fühle die feuchte Glätte von abgeriebenem Fleisch, das fühlt sich schön an, denke ich manchmal, wenn dieser Schmerz nicht wäre, so weich und zart, anders als der Schorf, anders als die knotigen Gewebe von Narben, fast so, wie ich gerne eine Haut hätte, weich und zart.

    Bitte sag mir nicht ich sollte fortbleiben, weil diese Flächen so wundgerieben sind, auch nicht, wenn ich Dir sage, dass sie wegen dem es zwischen uns wundgerieben sind, so wund, dass die Nerven und Kinder bei jedem Windhauch schreien. Bitte sag mir das nicht.

    Bitte sag mir: Wir finden Erde unter dem Schilf, nicht dem Schilf, wir finden Erde unter den rohen, den wunden, den schilfernden Häuten. Bitte schick mich nicht weg.

    Damit meine ich nicht, dass Du sagst: „Du musst gehen.“ Sondern auch, dass Du mich alleine lässt. Alleine lässt indem Du sagst: „Wenn Du mich nicht lösen kannst von ihr, dem Dunstkreis, dem Mutterkorn, dann bleibe doch fort. Wenn über mir die Möglichkeit kreist, dass ich eine bin, die verwundet, bleib doch fort, Wenn Du mich nicht als eine sehen kannst, die anders ist, dann bleibe doch fort.“

    Ich brauche mit allem Zweifel und gerade dann, mit aller Not und allen undurchtrennten Fäden, mit allem Nebel und allen durchmischten Kammern eine Hand, eine Trittleiter und ein Gegenüber mit einer weichen, veränderlichen Fläche, einer durchlässigen Haut. Du hast meine Sprache geöffnet. Schick mich nicht weg. Frag mich, frag es in mir, dieses vielgestaltige, vielstimmige es in mir, was es braucht von Dir, von uns, für die nächste Bewegung aus diesem schreienden Raum.

    Ich würde so gerne mehr gehen können, eine längere Strecke schon gegangen sein, die wunden Häute geschlossen haben, bevor ich Dir begegne. Aber ich glaube nicht, dass das geht. Ich bin gekommen, weil ich so wund bin, bin gekommen mit dem Wunsch, dass sich die wunden Häute schließen und die aus hartem Glas weich werden und das werden, was ich mir wünsche: eine schützende, berührbare, weiche Haut, mit Passagen für sprechende und entgegensprechende Stimmen. Ich bin wund gekommen, jetzt hast Du mich berührt und ich schreie unter der Berührung.

    Ich würde gerne sagen: Der Schrei ist nicht. Ich würde gerne sagen: Es schmerzt nicht. Ich würde gerne sagen: Ich werde nicht fast wahnsinnig vor Angst. Ich würde auch gerne sagen: Du hast mich genau auf die richtige Weise angerührt. Aber in mich ist auch der Zweifel eingeschrieben, beweglich, anrührbar auf den Nervenenden der wunden Haut. Der Zweifel an Dir. Kannst Du ihn ertragen?

    Ich habe Angst vor Deiner wunden Haut, davor, dass sie unter meinem Zweifel so schmerzt, dass Du auf meine Häute Pfeile schießt oder schlimmer noch: sie verschließt. Sie verschließt und mich abprallen lässt, ein Spiegel, keine Haut. Sag nicht: Bleib doch fort. Frag mich: Was können wir tun, was kann ich tun, damit wir Erde unter dem Schilf finden. Frag mich: Was können wir tun, damit nicht durch mich, durch mein Wort, das gesprochene und ungesprochene alle Wogen über Dir zusammenstürzen. Frag mich. Und reich mir eine Hand. Reich mir eine Hand, die sagt, die fragt: „Könnte es so gehen? Oder so?“ Biete mir Dinge an und lass mich wählen, aber vor allem: Frag mich. „Kann es so gehen? Oder so?“

    Kannst Du es ertragen, wenn ich sage: Ich weiß nicht, ob es schlimmer geworden ist durch Dich? Ich würde so gerne sagen: Du tust mir gut. Ich würde Dir gerne danken und mit Dir freudig davorstehen und sagen: Sieh, das haben wir geschafft!

    Aber da, wo Du bist, wo wir miteinander in diesem Gespräch sind, an diesem Platz, da ist auch der Platz der Verwundung. Es ist der Platz der Liebe und der Verwundung, der Liebe, der Schrift und der Verwundung, die in einer Kammer wohnen. Erschrick nicht, wenn ich Dir sage: Es ist eine Schreckenskammer. Es ist eine Schreckenskammer und eine Segenskammer, wo der Segen den Schrecken im Schlepptau trägt, aber vielleicht auch eine Kammer, wo sich aus dem Schrecken der Segen ausfaltet, der Segen und die Liebe.

    Ich habe diese Kammern lange nicht mehr bewohnt, nicht mehr betreten, sie im Danach gefrieren lassen, ein schmerzärmeres, angstärmeres, schreckensärmeres Leben, eines, wo es kein Inmitten mehr gab. Und hätte der Schmerz sich nicht aus diesen Kammern in meinen Körper geschlichen, hätte ich verzichtet, verzichtet auf die Kammern, die Liebe und die Schrift. Ich wäre fort geblieben, mit etwas Stumpfen, etwas Abwesenden, etwas, was kaum schmerzt.

    Weißt Du, wo ich wohnte? Ich meine nicht die Straße und den Ort, ich meine, ob Du das Haus des „Danach“ kennst. Ich habe uns, die wir auf ähnliche Weise wundgerieben, wundberührt sind, einmal „die Mädchen aus dem süßen Danach“ getauft, es ist eigentlich nicht süß, es ist ein stumpfer Ort, als ob man ewig verreist wäre ohne dass es einen Reiseort gibt, man ist von jedem Ort vereist, es ist eine Abwesenheit, ich sagte: Jahre fehlendes Leben.

    Jetzt bin ich zurückgekehrt, gezwungen durch den schmerzenden Körper, gezogen von der Liebe, der Liebe zum Leben, zur Schrift, auch zu Menschen, das auch. Und mit der Rückkehr, da hat sich etwas erhoben, das Mutterkorn vielleicht, der Fluch, der die Kammern des Schreckens und der Liebe schützt. Es ist so dunkel und ich kann nicht sehen, ob Du Teil des Fluches oder des Segens bist, ob der Fluch Dich infiziert hat, ob er Dich besetzt und in Dich hineinfährt, ob Du stark genug bist, nicht sie zu werden, das in Dir auszufalten, was ihr ähnlich ist. Ich erkenne sie in den Verwundungen, die mit Dir aufgebrochen sind, leise, zart, aber genug um einen Zweifel wie luftlose, erblindende Angst zu schüren, eine Angst, die meinen Körper kalt gemacht hat, zitternd, Tage und Nächte voll Angst wie ein Schock.

    Angst. Ich habe auch Angst vor Dir, vor dem es in Dir, dass mit den Zähnen, den Schwertern des Mutterkorns Dein Gesicht besetzen könnte, mit dem giftigen Schrei: Schuldig! Schuldig und verrückt! Ich habe Angst, dass es in Dir sich auf ihre Seite stellt und sagt: „Jetzt habe ich gesehen. Zu einer solchen, einer wie Dir kann man nur so sein.“ So. So wie es war. Wie es war, als die Federjungen Kinder waren. So, wie es war, als sie hervortraten. So, wie es war mit ihr, mit der anderen Helferin und wofür ich immer noch keine Worte habe. Ich habe Angst, dass Du das sagst, nicht mit diesen Worten sondern mit anderen, klugen, die Du wie einen kaltweißen Spiegel vor Dein Gesicht hältst. Auch Wörter die sagen: Ich habe nichts, habe nie etwas getan, ich habe nichts getan und das was in Dir als Verwundung, als Fehler wirkt ist Deine Projektion.

    Ich habe Angst, dass es Dich infiziert hat. Ich habe auch Angst, dass Du es nicht erträgst, wenn ich sage: Es sind vielleicht Fehler geschehen. Ich habe Angst, dass Du es nicht erträgst, wenn ich Dir sage, welcher Schrecken in mir aufgebrochen ist, wochenlang, über Monate, durchschossene Membranen, hautlose Angst, Wochen Entsetzen, Wochen voll Panik, oft ohne Schlaf, manchmal so, dass die Welt zu etwas Fremden geworden ist, zu dem ich nicht gehöre, voll von dem Entsetzen der Fühllosigkeit, Wochen, in denen ich zu etwas Fremden geworden bin, der Spiegel als ein nicht zu mir gehörendes Bild.

    Ich möchte Dir das gerne sagen, nicht wie eine Strafende, sondern wie eine, die eine Hand reicht und sagt: Sieh, das bin ich. Sieh, dass ist durch das es zwischen uns geschehen. Sieh, es ist schrecklich und es ist gleichzeitig Schuld und Nicht-Schuld. Sieh, es ist geschehen und es ist vielleicht wegen Fehlern geschehen. Sieh, ich bin zornig auf Dich wegen den Monaten Entsetzen und Angst, ich bin zornig auf Dich aber es ist keine verschlossene Tür. Keine die verschlossen bleibt, wenn etwas anders, etwas besser gemacht werden kann, bei Dir und bei mir. Keine, die verschlossen bleibt, wenn wir, nicht nur ich, sondern auch Du sehen kannst. Gutes und Nicht-Gutes. Bei Dir und bei mir. Es sind Fehler geschehen durch Schuld und Nicht-Schuld, Fehler, durch die Entsetzen eingeströmt ist, Angst, Krankheit, vielleicht sogar Wochen, Monate, gequältes, verlorenes Leben und es gibt trotzdem die Chance, dass es keine verschlossene Tür ist. Ich habe Angst vor Dir und Zorn, ich sage „Es sind Fehler geschehen“ und es ist trotzdem so, dass das Gernhaben nicht weicht, die Liebe zu dem durch Dich, durch das es zwischen uns geöffneten Mund.

    Der gleichzeitige Raum der Liebes- der Zorn- und der Kummererklärung ist nur in der Schrift zu lösen, wo es mit- und nebeneinander stehen kann: Ein Lied. Denke ich das mit anderen Zonen, folgt diesen Gedanken im Schlepptau der Wahnsinn, der Wahnsinn, der mich überfallen hat durch den Versuch, eine schlagende Hand und den Mund, der sagt: „Ich hab Dich doch lieb.“ gleichzeitig zu verstehen, eine schlagende Hand und einen Mund der sagt: Nicht ich schlage, sondern Du. Im Schlepptau der Verwundung durch einen geliebten Menschen lauert seitdem der Wahnsinn. Und wenn ich denke: „Du solidarisierst Dich leise mit ihr“, dann fürchte ich das wie eine Kugel in den Kopf, eine Kugel, die Bahnen und Fäden durchschießt, eine, der der Wahnsinn folgt.

    An einem Abend, als mich die Angst so überspülte, dass sie Welt wurde, mehr als Welt, eine Welt aus vibrierendem, kaltweißen Abgrund, da dachte ich, Du wirst aus Deiner Verwundung versuchen, die Welt meines Sehens zu verdrehen, Du wirst rufen: „Nur Du, nicht ich“ und heimlich „Recht hatte die andere auch.“. Und ich dachte, das wird die Macht haben, in mir Fäden zu zerreißen, ich habe eine Nacht lang gedacht: Dann werde ich verrückt. Und es geisterte die Vorstellung durch meinen Kopf, ich müsste mir ein Messer mitnehmen wegen der Angst, dass Du mich töten, mich geistig töten kannst. Erträgst Du das, wenn ich Dir das sage? Erträgst Du es, wenn ich Dir sagen: Ich hatte das Bild, ein Messer in meiner Tasche sei nötig? Ich meine nicht, ob Du die Sorge erträgst, ich könnte mit einem realen Messer bewaffnet sein, denn das würde ich nicht, ich bade, anstatt Drogen zu nehmen, ich werbe Kunden gegen das innere Zerreißen, ich denke an die Notwendigkeit von Messern mit der Gewissheit des „Nie“. Ich meine vielmehr: Erträgst Du, dass ich diese Bilder der Notwendigkeit eines Messers für unser Treffen hatte? Und das es durch das es zwischen uns, vielleicht auch durch Fehler ausgelöst worden ist? Erträgst Du es? Und kannst Du mich fragen: „Was kann ich anders machen?“ Kannst Du mich fragen und die Antwort hören? Kannst Du auch denken: Diese Antwort ist nicht etwas, deren Unmöglichkeit ich mit Schwertern beweisen muss, sie ist vielleicht ein Wegweiser, ein Weg und nicht zu groß?

    Ich habe Angst, dass Du das nicht hören kannst. Ich habe Angst, dass Du nicht bist wie eine die auf dem Platz der Therapeutin steht, die Abstand halten kann, sondern eine, die ich treffe, die ich selber treffe und nicht ihren Platz, eine, die sich treffen lässt, die es nicht erträgt, getroffen zu werden und deshalb meine Wahrnehmung im „Nicht ich, nur Du.“ verdrehen muss.

    Ich habe Angst. Kummer und Verwundung, Liebe und Hoffnung, Zorn und Angst.

    Und finde nichts, was mich tröstet in Deinem Fehlen.

    ...hier hört er auf...er ist wie gesagt nicht zuende geschrieben...
    bambam
    :trost2:

    :listen: bambam :gruss:
    fluse
    Liebe Keyla,

    ich habe mir den Brief nicht durchlesen können - ich habe den Brief nur überflogen - , weil ich schon in deinen Anfangsworten gedacht habe, WARUM schreibt sie dann noch einen Brief... !?

    Du bist dir doch Sicher, das es mit dieser Therapeutin nicht klappt!
    ... Warum versuchst du jetzt mit diesem Brief doch noch eine Beziehung herzustellen? Überleg es dir noch einmal sehr sorgfältig, ob du deinen Brief wirklich abschicken willst!

    Ich kenne dieses Durcheinander sein - diesen Schrei nach Hilfe .... Du schaffst es auch Alleine, ohne Abhängigkeiten - Mensch (FRAU) sollte nur bereit sein, UNTERSTÜTZUNG anzunehmen!

    Alles Liebe :trost2: :kraft: :knuddel:

    fluse
    keyla
    Liebe Fluse,

    danke für Deine nette, auch besorgt klingende Antwort.

    Ich muss dazu noch etwas erklären: Der Brief ist schon alt, aus einer Phase, wo ich noch dachte, Beziehung herstellen zu können. Ich habe ihn allerdings auch damals nicht geschrieben, um ihn abzuschicken. Es ist mittlerweile auch nicht mehr so, dass ich denke: Da macht eine weitere Beziehung Sinn, höchstens in der Form, ihr nochmal sagen zu können, wie es mir mit und durch die Therapie ging. Für mich hat der Brief insofern nur wert, als dass er viel von dem ganzen Schmerz, der Sehnsucht, Angst und Verstörung spiegelt, die dadurch ausgelöst worden sind und aus denen ich mich langsam und mühevoll versuche zu herauszubewegen.

    Ich bin also gerade dabei, diese Therapiegeschichte "aufzuarbeiten" und das hier einzustellen, ist ein Teil davon. Aber bei Deiner Antwort dachte ich, das ist vielleicht nicht klar genug von mir ausgedrückt worden.

    Trotzdem aber vielen Dank - wäre das ein Brief, um wieder eine Beziehung aufzunehmen, hättest Du absolut recht!

    Liebe Grüße

    Keyla