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| Das Lied von der grünen Angst - Klicken Sie HIER um das ursprüngliche Thema anszusehen |
| keyla |
Hallo,
im letzten Jahr, als nach langer Zeit die Angst mich wieder mit einer solchen Heftigkeit verstört, überflutet, am Wickel hatte und gleichzeitig das Gefühl entstand, mit den "Angstkammern" hätten sich auch wieder lang verschlossene Räume von Lebendigkeit geöffnet, habe ich mich mit der Frage beschäftigt, was ein fruchtbarer aspekt von Angst sein könnte. Ich meine, die Dimension des Furchtbaren - die erlebt man ja unmittelbar in einem Angstzustand, das mögliche Fruchtbare muss erst aufgestöbert werden, das "Grüne", Lebendige. Das war mir in dieser Zeit so ein Bedürfnis, dass das Qualvolle, was übermächtige Angst ja immer hat, nicht ein "sinnloser Schrecken" bleibt.
Und dann habe ich - auch aus Verehrung für Inger Christenses "Gedicht vom Tod", das Matrix und Flussbett für den Text war, das Lied von der grünen Angst geschrieben.
Ich kann gar nicht sagen, ob es geholfen hat, aber es zu schreiben, auch nachher zu lesen, hatte doch etwas Tröstliches.
Findet ihr auch manchmal Sinn in der Angst, habt ihr das Gefühl, dass sie bei allem Schrecklichen auch für irgendetwas fruchtbar ist?
Herzlich grüßt Keyla (heute ohne Angst - wie schön!)
Und hir kommt der Text:
Das Lied von der grünen Angst
Eine Hommage an Inger Christensen
Seit Stunden gefrieren die Worte
wie seltsam es ist
dass alles sirrt und doch stillsteht
wenn die Angst sich bewegt
Das weiße Papier
Liegt ganz still da
Aber es bietet keine Zuflucht
Wenn ich nichts schreibe
Ich bin wie eine Sprache
Die ihre Zeichen vergessen hat
Spreche in Formen
Zu denen ich nicht gehöre
Wie abwesend es wirkt
So über die Angst zu schreiben
Als wenn alles, was man davon wüsste
Ein Spiel wäre, dessen Regeln man nicht kennt
Deshalb erscheint es,
Als ob alles verschwindet
Sobald der Finger die Tastatur berührt
Um etwas zu schreiben
Als würden die Dinge
Vollständig in die Weiße des Papiers ein gesogen
Aber in eine Richtung
In die man nicht folgen kann
Lange flattert alles
Die Welt gibt sowenig von sich
Wie wenn sie erstarrt wäre
Vor Geschwindigkeit
Mit der gleichen Art von Bewegung
Wie das Flackern von Bildschirmen
Wenn die Dateien vibrieren
Ohne das ein Kontakt stattfindet
Kein Kontakt, keine Berührung
So, als ob
Uns niemals etwas treffen könnte
So, als ob wir immer
Um uns selber kreisen würden
Welches Wollen
Könnte uns dann dazu bringen,
Jemanden zu sehen
Und welches sehen uns begegnen
Wenn unsere Augen sich abgewendet haben
Von dem Gras, den Menschen und den Pfauen
Diese Nacht dachte ich im Traum
Ich könnte sprechen
Und habe einen Mantel zerschnitten
Aber keinen, der wärmt
Nichts weiter war dort vorhanden
Nur eine grauweiße Öde
Mit einer Unruhe
Wie sie aus dem Rauschen entsteht
Ich fühlte mich also,
als könnte ich sprechen
Traf aber keinen
Der Widerworte gab
Ich möchte nicht gerne dort sprechen
Wo nichts zurückspricht
Lieber an den Orten
Wo ich nicht ohne Antwort war
Während es grauweiß hervortrat
Habe ich Stunden nach einer Landschaft gesucht
Lange hielt ich Ausschau
Aber die Dinge fehlten wie hier
Das ganze Fehlen
Das wir so unabänderlich erleben
Wen sich unsere Augen
Schneller bewegen als die Welt
Als es morgen wurde
Dachte ich noch immer an das Vibrieren
Das Papier gab nichts ab
Aber ich bewegte mich beruhigt
Besser ist es die Angst
Aus der Ferne zu spüren
Den ungeschnittenen Mantel
Direkt an meinem Bett
Vor den Türen
Die wärmenden Gerüche
Unter den Dächern alle Arten von Trost
Auf ihrem Weg zu uns hin
Eine mit dem Hang
Zu hautwarmen Steinen
Die sie auf ihrer Schulter spazieren führt
Eine mit dem am Vortag zerbrochenen Spiegel
Den sie wie ein Junges In der Bauchhöhle trägt
Eine mit einem grünen Zeichen
Das ein Wort gefunden hat
Die sich aus der Welt herausschälenden Wörter
Die die Angst freigibt
Die Angst, deren Bewegung
Unser Gehirn vielleicht heller macht
Die Angst, deren Erzählungen
Manchmal grün wie die Grasnarbe sind
In der Stille zwischen dem Geflimmer der Partikel
Wachsen wir aus dem Herzen der Welt
Die Sätze bewegen sich aus dem Körper
Unsere Ängste sind Murmeln
Für ein Spiel
Voll heller Freude sehe ich plötzlich
Die Fliegen im Paradies
Die Signaturen des Unvollkommenen
Das Sirren der Mücken, das Flattern des Reihers,
die Kletterpflanze und das Donnern der Wellen
An den wehrlosen Strand
Das Flattern, Sirren, wachsen und Donnern,
Mit dem die Welt uns täglich
Aufs Neue entgleitet
Und wieder gefunden wird
Erzähle die Angst
Stelle Dich mit beweglichen Zeichen
An ihre Seite
All die Worträume
Denen wir täglich begegnen
Sind Keimhöhlen, für die die Angst
Manchmal der Baustoff ist
Versuche mit der Angst zu schreiben
Kann sie die Worte hervorbringen
Wohin
Heute, wenn die Fliegen so selbstvergessen
Durch die Vollkommenheit surren dürfen
Dass sie nicht als eine facettenäugige Verstörung
Vergessen werden müssen oder unsere Räume vernichten
Können wir der Angst einen Ort geben
Heute, wenn wir uns in das Bildschirmrauschen
Eine Fülle von Formen denken
Unvollkommene Gestalten mit Sprüngen und Rissen
Heute, wenn der Staub und die Schrunden
Sich getröstet mit uns bewegen können
Bette die Angst in Deiner Brust
Streu etwas Erde dazu
Bewege Dich zu ihr hin
Und lege Dich selbst auf den Boden
Spiel mit den Keimen
Lass die Pflanzenkraft walten
Sing mit den Schösslingen
Der grünenden Angst ein Lied
Die Zeichen wachsen ja aus allem
Ihre Triebe überall festgesetzt
In jeder Öde
Gib der Not etwas Zeit
Die Verstörungen sind wie unkenntliche Rufe
Die erst, wenn sie Erdreiche bekommen
Ihre Wachstumsrichtungen zeigen
Gib uns Grammatiken
um mit unserer Sprache
gebrochene Linien
des Werdens zu begehen
So wie die Risse uns in die Dunkelheit neuer Sprachen senken
Bewegt die Angst unsere Zeichen zum Grünen |
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| wirbelseele |
Kann Angst auch zu positiven Dingen führen? kann sie nicht nur furchtbar, sondern manchmal auch fruchtbar sein?
Ja, alles Grüne, alles Vegetative hat diesen inneren Wachstums-Drall, ich denke an den Freilandsalat, der in die Höhe schiesst, während unablässig ein feiner Landregen fällt.
wenn das Papier sich bewegt, wenn das keyboard seine Tasten auf- und niedergehen lässt wie ein elektrisches Klavier, - - und du hast keine Worte, weil alles in dir Eis ist, die Angst bewegt sich - und du bist wie gelähmt.
Als Kinder des Universums, Keyla, sind wir Geschöpfe, die einbezogen sind in das prozeßhafte Geschehen der Welt. Selbst als Träumer und Schläfer wirken wir aktiv "an allem" mit (Heraklit). Und dein Motto spricht es gut aus. Nicht wie eine mechanische Uhr "tickt" das Universum. Dein Herz schlägt ungegelmäßig, es arbeitet rhythmisch. Würde es präzise im Takt schlagen, wärst du in zwei Minuten tot. Die Elepsie-Forschung hat etwas Sonderbares festrgestellt. Solange das Gehirn mit seinen Arealen und dem Gewimmel von Neuronen in einem chaotischen, schwingendem Durcheinander arbeitet (wo ein unbekanntes Zentrum dann dauernd Entscheidungen fällt), gibt es keinen epileptischen Anfall. Er tritt aber sehr schnell ein in Gehirn-Zuständen, wo alle Nerven sozusagen stramm stehen und gleichgerichtet sind. |
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