| wirbelseele |
Keinen Hauch kriegst du mehr raus
du taumelst auf der Treppe
Luft möchtest du
etwas Atem
Alle Felle sind weggeschwommen
in den Erwartungsnischen
wächst Gras
sie holen nichts mehr von dir
sie fahren an deinem Haus vorbei
Du legst deine Hände ineinander
sie kommen dir so kalt, so schwer vor
auf deiner Stirn liegt kalter Schweiß
in kleinen bösen Perlen
Sau-Spiel, Sau-Wetter sagst du
und endlich kommt die erste kleine Luft
du ziehst Sauerstoff ein
Du beugst dich zum Spiegel
gibst dir selbst einen Kuß
du siehst die schmale Dampfspur
auf dem Glas
Schreiben kannst du
und analysieren
aber hilft dir das was
wenn du auf der Treppe stehst
atemlos? |
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| wirbelseele |
sie haben dich eingelassen
dir dein Zimmer gezeigt
den Platz für den leeren Geigenkasten
du hast ihn auf den ersten Blick entdeckt
auf dem schmalen Fensterbrett
liegt breit die Violinschule,
sie hängt über
du gehst zu den anderen
du sprichst mit ihnen
sie sagen dies und sie sagen das
das Huschelchen mit den hellen Augen
sagt immer buh buh
als Antwort
wenn du mit ihr
über Schnewittchen sprechen willst
und die 7 Räuber |
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| keyla |
Liebe Wirbelseele,
schöne Texte sind das, sehr schön. Sind sie von Dir? Ich nehme mal an, ja.
Ich dachte gerade über die Zeilen
"Schreiben kannst du
und analysieren
aber hilft dir das was
wenn du auf der Treppe stehst
atemlos?"
nach.
Ich finde das ja manchmal seltsam paradox, dass einen das Schreiben gleichzeitig nichts nützt und mir trotzdem oft wie irgendetwas vorkommt, was rettet, sowas wie seelische Lebendigkeit rettet, auch wenn es von deren Abwesenheit, der Angst oder eben auch der Luftlosigkeit auf der Treppe schreibt.
Du schreibst, Du bist Verbündeter. Stark ist, dass die Texte so klingen, als würdest Du das aus eigenem Erleben kennen - oder vielleicht ist das auch so?
Ich denke ja immer, das Leben kann einem auf die verschiedensten Weisen Wunden schlagen, nicht nur, indem man direktes Opfer von Gewalt wird.
Ich freue mich, mehr von Dir zu lesen!
Keyla |
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| wirbelseele |
es tut gut, keyla, eine Stimme zu hören, - Danke! ja, das Schreiben kann dich auch von dir wegführen, es hilft, wenn auch nicht immer, mehr zu den Fakten, zu den greifbaren Dingen zu kommen.
Aus Kindermund kommt ein trauriger Satz - "Echo ist, wenn einer ruft, und keiner da ist".
Wie gut, dass es Stimmen wie deine gibt. Immer wieder, und oft gerade dann, wenn wir gar nix gutes dazu getan haben, werden wir beschenkt. |
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| wirbelseele |
Zitierte Zeilen
Am Abend atmet alles Abgrund.
Am wichtigsten unterwegs ist der Gefährte.
Beachtet die Fingerspitzen, ob sie sich schon verfärben.
Das Gedicht verbirgt sich im Gedicht in irgendeiner Zeile.
Dein Hut lüftet sich leis, grüßt, schwebt im Wind.
Der lag besonders mühelos am Rand.
Der Leib empfängt den Feind mit weißen Fahnen.
Die Fahnen klirren, die Hecken, die Welt.
Die Gräser dampfen, die Allee trägt auf ihrem Rücken rosa Schnee.
Die Silberpappel, eine ortsbekannte Schönheit.
Drei Nächte geflochten aus deinem Leib.
Erlaß an die Armee der Kunst
Es schwamm der Mond in mein Gemach herein.
Gelächter im Hals gehen wir hinüber.
Im Geschnalz der Wellen trinke ich Salz.
In unseren Augen wimpern Widerhaken.
Jede Stunde, die hingeht, wird jünger.
Keine Posaune, keine Verkündigungen.
Manchmal geben sich die Lüfte ein Zeichen.
Mehr weiß niemand, die Disteln gehen rückwärts.
Mir graut vor mir selbst, Frost im Herzen.
Mit meinem Atem vermengt flockt die Milch.
Nun die Bäume wieder Blüten schnein.
Selbst die Blätter durchwinterter Eichen zeigen ein künftiges Braun.
So gehst du hin, Gelächter im Hals.
Tut mir doch die Fahne aus dem Gesicht, sie kitzelt.
Um sechs Uhr kam der Staatsanwalt.
Weiße Flocken rieseln in uns hinein.
Wenn der Schweigsame kommt und die Tulpen köpft.
Wir senden den Lachmöwenschrei.
Wißt ihr denn, auf wen die Teufel lauern?
Ziemlich zart zirpen abends zehntausend Herzen. |
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| keyla |
Liebe Wirbelseele,
spannend - und ein interessanter Umgang mit Zitaten.
Ingeborg Bachmann liebe ich auch sehr.
es hat ja etwas seltsam Fragmentarisches, wo sich Sinn ja durch die Aneinanderreihung von Fragmenten generiert. Mit einem Freund habe ich mal den Ausdruck "Mut zum Fragmentkontinuum" geprägt. Sprache, durch die etwas Lebendiges einströmen kann, muss ja auch immer eine Öffnung zum Unbenannten, auch Unverständlichen haben - nicht im Sinne einer bewußten Verhüllung, sondern einem Riss, einer Öffnung zu einem unverstehbaren Raum.
Es gibt ja von Maguerite Duras das schöne Zitat "ich habe mich niemals vor der Unverständlichkeit gefürchtet" was für mich in diesem Jahr im Schreiben ein unvermutet kostbarer Impulsgeber war. Und im Trauma ist man ja auch immer mit der Dimension des Unbegreifbaren konfrontiert, der ich bis jetzt nur in der Kunst bzw. der Literatur begegnen konnte. Wodurch das Unbergreifbare zwar nicht begreifbarer wird, sondern es manchmal gelingt "in der Schwindligkeit Wohnung zu nehmen" wie Inger Christensen (kennst Du die? - meine Lieblingslyrikerin)so wunderbar sagt.
Es grüßt mit einem manchmal sogar bewohnten Haus in der Schwindligkeit
keyla |
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| wirbelseele |
Ja, Keyla, ich kann dir gut folgen. Je nachdem, wie die Zeilen zu einem Kontext zusammenfinden, entstehen bei den Lesenden Bilder und ganze Vorstellungsreihen. Das Fragmentarische wird fruchtbar. Die Lesenden nehmen den Text wie eine Partitur, aus der sie ganz unterschiedliche Meldodien zum Klingen bringen. Danke für deinen Zuspruch!
Keyla, damit man sieht, woher denn die Zitat-Zeilen kommen, hier eine Erweiterung, dieses Mal sind die Autoren genannt. :) Ich meine, diese starke Sprache, sie kann uns Betroffenen etwas geben! Eine "dichte" Ladung, als Einstieg in Poesie. Erich Fried ist auch dabei. :liebes:
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Frost im Herzen, hilflos, durchzog mich (Anna Achmatova). Keine Posaune zurhand, keine Verkündigungen (Peter Rühmkorf). Wisst ihr denn, auf wen die Teufel lauern (Goethe). Es ist ein Raum, den sie mit Milch getüncht haben (Trakl). Um sechs Uhr kam der Staatsanwalt (Johannes R. Becher). Flüchtig gelagert in dies mein Gartengeviert (Peter Rühmkorf). Die Silberpappel, eine ortsbekannte Schönheit (Brecht). Hier strotzt die Backe voller Saft (Wilhelm Busch). Ein dicker Junge spielt mit einem Teich (Alfred Lichtenstein). Der Abendfrieden ist hereingebrochen (Hans Scheibner). In dem Zug, der von A nach B fuhr (Hans Arp). Das Fräulein stand am Meer (Heine). Betrachtet die Fingerspitzen, ob sie sich schon verfärben (Günter Eich). Wenn der Schweigsame kommt und die Tulpen köpft (Paul Celan). Es wird der bleiche Tod mit seiner kalten Hand (von Hofmannswaldau). Der lag besonders mühelos am Rand (Walter Höllerer). Im Teerfass-Schatten kauen sie gelassen (Heinz Piontek). So gehen sie hin, Gelächter im Hals, und zeigen (Krolow).
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Wenn man kein Englisch kann (Benn). Nur noch zwei Bäume (Kaschnitz). In Ebenen, die qualmten von Regen (Stephan Hermlin). Nun rieseln weisse Flocken unsre Schritte ein (Ernst Stadler). Grau und trüb und immer trüber (Goethe). Ach Liebste, lass uns eilen (Martin Opitz). Im Haselholz liebten sie sich (Wistawa Szymborska). Im Sessel du, und ich zu deinen Füssen (Storm). Noch spür ich ihren Atem auf den Wangen (H.v.Hofmannsthal). Aus der Hand frisst der Herbst mir sein Blatt, - wir sind Freunde (Celan). Unter türkischen Linden, die blühn, an Rasenrändern (Rilke). In Apfelbäumen lehnen weisse Leitern (Holthusen). Gestern fuhr ich Fische fangen (Werner Bergengruen). Stehend an meinem Schreibpult (Brecht). Immer wieder strecke ich meine Hand (Krolow). Ich bin im braunen Cognac-See ertrunken (Carl Zuckmeyer). Mir grauet vor mir selbst, mir zittern alle Glieder (A. Gryphius). In meinem Elternhaus hingen keine Gainsboroughs (Benn). Ich bin wie schon gestorben (Alexander Xaver Gwerder). Wer kann gebieten den Vögeln (Goethe). Da es dunkelt, da es feuchtet (Wilhelm Lehmann).
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Schneefall, dichter und dichter (Celan). Nun die Bäume wieder Blüten schnein (Villon). Die Hecken klirren (Siegfried Lang). Komm, wir gehen, du und ich (T.S. Eliot). Es kommen härtere Tage (Ingeborg Bachmann). "unaufhörlich begegnen sich in den gegeneinander bewegten strömen dieselben gesichter" (Helmut Heissenbüttel). Die Menschen stehen vorwärts in den Strassen (Georg Heym). Die Faulen werden geschlachtet (Erich Fried). Achtung wir senden den Lachmöwenschrei (Günter Bruno Fuchs). Er liebte sie in aller Stille (Busch). Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt (Erich Kästner). "tut mir doch die fahne aus dem gesicht, sie kitzelt" (Hans Magnus Enzensberger). Es ist ein Heidekrug, den am Nachmittag ein Betrunkener verlässt (Trakl). Der erste Tag im Monat Mai (Friedrich von Hagedorn). Schon, horch, hörst du er ersten Harken Arbeit, - wieder den menschlichen Takt in der verhaltenen Stille (Rilke). "mehr weiss niemand, die disteln gehn rückwärts2 (Franz Mon). Drei Nächte geflochten aus deinem Leib (Boletaw Taborski). Es schwamm der Mond in mein Gemach herein (Villon). Doch im Blauen eine weisse Taube (Josef Weinheber). In diesem Land kommt auf zwei Männer eine Zigarette (T.S. Eliot). Die Zeitung nehmen sie in die Finger wie Brei (Julian Tuwim). Geboren hat mich ein zwanzigjähriges Mädchen (Hans Egon Holthusen). Ach und weh! Mord! Zeter! Jammer! Angst! Pech! Polter! Folter! Henker! Geister! Kälte! Zagen! (Andreas Gryphius). In unseren Augenwimpern wimpern Widerhaken (Heike Doutiné), |
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| keyla |
Liebe Wirbelseele,
schön, dass Du das von der Partitur schreibst - ich habe mich in diesem Jahr sehr intensiv mit dem "musikalischen Sinn" der poetischen Sprache beschäftigt, wo ja Sinn auf eine ganz andere Weise entsteht als in der Alltagssprache. Und wo es - wie finde ich in keinem Bereich sonst - die Möglichkeit gibt, aus paradoxem Erleben eine sinnhafte Komposition machen zu können. Wie sie meisten verwundeten, "Wundberührten" erlebe ich oft die Uneindeutigkeit von Identität, das zeitgleiche Wollen und Nicht-Wollen, Existenz und Niht-Existenz von etwas zur gleichen Zeit. Und das ist für den logischen Verstand ja wie ein unlösbarer Koan, der Verwirrung und Ängste hervorruft. In der Kunst gelingt es aber auf geheimnissvolle Weise, da doch ein sinnhaftes Gesamtgefüge draus entstehen zu lassen, bei dem aber nicht das Differente, Widersprüchliche zu einem Brei wird, sondern gerade durch die Komposition und die Verschiebung von Bedeutungen, durch das Stammeln und Straucheln zwischen Fragmenten etwas ganz Neues hervorbringt.
Danke für die Geber, Spender, Komponisten der "starken Worte".
Liebe Grüße
Keyla |
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| wirbelseele |
sich wundern, Keyla, hat mit Wachsein zu tun und mit Neugierde. Goethe sagte, er hasse Menschen, die nichts bewundern. "Ich habe mein Leben damit hingebracht, ALLES zu bewundern." - - Goethe sprach auch von Lebenswunden, die jahrelang sich weigern, sich zu schließen. Keyla, wir Betroffenen leiden unter allem, was nicht eindeutig ist. Wie schnell, du sprichst es aus, "changieren" die Dinge und Menschen, wechseln sie Farbe, Gesicht, Form. Zur Sprache hänge ich ein Zitat an, das dir gefallen könnte.
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Wer Formen fühlt, ist ein Liebender
»Wem zehn Worte, die als das, was sie sind, die so und nicht anders im Verse beieinander stehen, wem diese Unwiderruflichkeit der Formen nicht sinnliches,
geliebtes Dasein schlechthin sind, - der glaube nicht zu leben.«
»Unsere Sinne sind da und sind das einzige, was wir als vollste Gegenwart spüren, als Atem und rätselhaften Durst, als das unersättigte Aug und Ohr.«
»Einen Vers, den ich liebe, liebe ich an ihm etwas, was außerhalb seines Gefüges noch da wäre?«
»Wann aber würde meine Seele aufhören, den bloßen Duft, in dem die Worte schweben, das auf und ader Rede, das nichts-als-Ton, das innere Lachen
und die innere Trübung als eine erschütternde sinnliche Musik zu genießen?«
»Täglich und in jeder Stunde im Gewühl, und wo wir einsam sind, aus Gebüsch, unter dem wir liegen, zwischen den Werkzeugen unserer Arbeit, nachts,wenn eine Erinnerung uns betäubt, täglich und in jeder Stunde ruft das Leben uns zu, - dass es keine Formen gibt, die nicht an sich Inhalt wären. - Wer Formen fühlt, ist ein Liebender.« - - - Rudolf Borchardt, Gespräch über Formen, 1905 |
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| paca |
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:denken:
:)
paca |
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