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    melikah
    Depression

    Es sollte sich inzwischen herumgesprochen haben, dass Selbsterfahrung für einen Therapeuten außerordentlich wichtig ist. So können Sie sich wesentlich besser in die Situation Ihrer Klienten einfühlen.

    Wie können Sie also eine Depression entwickeln?

    Es gibt bestimmte Denk- und Verhaltensweisen, die sich depressionsfördernd auswirken. Suchen Sie sich also einfach aus dem folgendem Katalog zwei bis drei Punkte aus und mit ein bißchen Übung wird es auch Ihnen schnell gelingen, in eine mittlere Krise zu stürzen. Tägliche Übung ist dabei sehr empfehlenswert.

    1. Erinnern Sie sich daran, wie Ihre Elten Sie auf immer und ewig versaut haben und wie bemitleidenswert Sie sind, weil man die Jugend nicht rückgängig machen kann.
    2. Weigern Sie sich, eine Person, die sie in der Vergangenheit verloren haben, loszulassen. Beachten Sie dabei, diese Person so zu idealisieren, dass sie einem gottesgleichen Wesen ähnelt, das niemals ersetzbar ist.
    3. Halten Sie die Augen in Bezug auf Ihre eigene Kompetenz fest verschlossen und warten Sie statt dessen auf einen Guru, der niemals erscheinen wird.
    4. Übernehmen Sie die Verantwortung für die Probleme anderer Menschen und fühlen Sie sich schuldig, wenn die Lösung unbefriedigend bleibt. Es empfiehlt sich, mit Problemen wie Golfkrieg, Umweltverschmutzung, politische Krisen, Treibhauseffekt etc. zu beginnen. Sprechen Sie in diesen Zusammenhängen nie von Mitverantwortung, sondern ausschließlich von Ihrer Schuld.
    5. Pflegen Sie Ihr Eigenbild von einer überguten Mutter Theresa (was ist eigentlich das männliche Äquivalent?), die die Lasten trägt, die sonst keiner haben will.
    6. Beschäftigen Sie sich niemals mit Dingen, die Ihnen Spaß machen, sondern mit Dingen, die Sie tun müssen.
    7. Versuchen Sie, Menschen zufriedenzustellen, die gar nicht zufrieden sein wollen.
    8. Grübeln Sie kreisförmig um Ihre eigene Minderwertigkeit herum, ohne neue Gedanken zuzulassen.
    9. Überbewerten Sie ihren intellektuellen Verstand und glauben Sie fest daran, dass Gefühle nicht wichtig sind. Vermeiden Sie es grundsätzlich, den Signalen Ihrer Intuition nachzugeben.
    10. Vermeiden Sie Kontakt mit Menschen, die Sie nett finden.
    11. Sollten Sie zu diesem Zeitpunkt schon soweit entwickelt sein, dass Sie die Existenz eines Gottes nicht völlig in Abrede stellen, glauben Sie fest daran, dass dieser Ihnen Ihre Sünden niemals verzeihen wird.
    12. Vertrauen Sie sich unter keinen Umständen einem erfahrenen Kollegen an. Wenn Sie glauben, einen Therapeuten zu brauchen, dann wenden Sie sich an jemanden, der noch depressiver ist als Sie und ein dringendes Mitteilungsbedürfnis hat.
    13. Denken Sie darüber nach, wie schlecht diese Welt ist und daran, dass sowieso nichts mehr Sinn macht.
    14. Atmen Sie möglichst flach. Kontrollieren Sie Ihren inneren Dialog und verwenden Sie Selbstsuggestionen wie folgt:
    - Das schaffe ich sowieso nicht.
    - Alles ist sinnlos.
    - Ich bin sowieso nicht wichtig.
    - Ich kann nicht mehr.
    - Mir kann keiner helfen.
    - Keiner versteht mich.
    - Keiner hat mich lieb.
    - Ich bin nur etwas wert, wenn ich
    ... schlank bin
    ... bis zum Umfallen arbeite
    ... Geld habe .
    Tragen Sie Ihre persönliche Wertung ein und achten Sie darauf, dass es sich um eine Wertung außerhalb des Bereichs des Möglichen handelt.
    15. Vermeiden Sie Sätze, die mit "ich darf" oder "ich möchte gerne" beginnen. Konzentrieren Sie sich auf "man muß".

    -Ende Teil 1- gleich gehts weiter
    melikah
    Wem die mittlere Krise nicht genügt, weil er/sie zu den Ganz-oder-Gar-nicht-Typen gehört, befolge bitte ALLE diese Anweisungen. Er/Sie wird sich in eine graue Bulette verwandeln, die Löcher in die Wand starrt und sich nur bewegt - wenn überhaupt - wenn sie gebraucht wird.

    Sinnvollerweise befaßt man sich in dieser Phase intensiv mit Lehrbüchern über die endogene Depression, um die dort beschriebenen Symptome sofort zu entwickeln.
    Belasten Sie sich auch mit zunächst völlig unverständlicher psychologischer Literatur (z.B. Narzismus von Kohut), die Sie glauben läßt, Psychologie sei nur einer intellektuellen Elite zugänglich, die mindestens das große Latinum hat. Es verstärkt Ihren Eindruck, dass Sie Ihre eigenen seelischen Belange niemals verstehen werden, geschweige denn die von anderen.
    Das körperliche Missempfinden unterstützt man, indem man sich unregelmäßig und ungesund ernährt und (wenn überhaupt) Flüssigkeit nur in Form von Alkohol zu sich nimmt. Auch übermäßiger Nikotin- und Koffeingenuß ist zweckmäßig und verstärkt die Schlafstörungen.
    Sehr frustfördernd ist es auch, sich in dieser Situation den Rat eines Schulmediziners einzuholen, der die Existenz von psychischen Belangen verneint und Ihnen körperliche Gesundheit bescheinigt. Die Panik vor einer Psychose entsteht dann fast von selbst.
    An dieser Stelle rufen Sie sich bitte wieder Ihre unzulänglichen Eltern ins Gedächtnis und bestätigen Sie sich wiederholt, dass Sie den Fehlern Ihrer Eltern für immer ausgeliefert sein werden. Sollten Sie das Pech haben, passable Eltern gehabt zu haben, suchen Sie sich einen anderen Täter, z.B. den Bundeskanzler. Falls Ihr Menschenverständnis bereits zu weit entwickelt ist, können Sie die Schuld auch dem entmenschten Sytem, dem Kapitalismus, dem Satan oder der Prüfungskommission des Gesundheitsamtes geben. Wichtig ist, dass sie das Gefühl des Ausgeliefert-Seins verstärken.

    Um das Ganze noch etwas zu würzen. empfehlen wir das Buch "Grundformen der Angst" von Fritz Riemann. Es werden Zweifel in Ihrem Inneren aufsteigen, da Sie nicht mehr genau einordnen können, ob Sie denn nun schizoid, depressiv, zwanghaft oder hysterisch sind. Falls alle diese Beschreibungen irgendwie auf Sie passen, lassen Sie sich bitte nicht davon überzeugen, dass diese Tatsache auf eine solide psychische Gesundheit hinweisen könnte. Der Gedanke "Ich bin seelisch völlig gesund" beinhaltet die Gefahr, dass die Depression sich sofort verabschiedet. Unterhalten Sie sich stundenlang mit den Zeugen Jehovas, die Sie davon überzeugen, dass Sie die Bibel in keinster Weise befolgen und deshalb am Jüngsten Tag liegen bleiben müssen. Ihr Zustand wird zu diesem Zeitpunkt so weit fortgeschritten sein, dass Sie gar nichts dagegen haben, den ewigen Schlaf des Gerechten zu finden. Diese suizidalen Gedanken schützen Sie wenigstens vor psychischer Abhängigkeit. Allmählich sind Sie gut vorbereitet für Tarotkarten, die den Zustand Ihres Unterbewußtseins dahingehend spiegeln, dass alles in Unterdrückung, Fehlschlägen, Verderbnis, Tod und Teufel endet. Sollte es positive Geister in Ihrem System geben, die das verhindern, imaginieren Sie den desaströsen Ausgang all Ihrer geplanten Unternehmungen. Die sich selbsterfüllende Prophezeiung übernimmt dann den Rest und endlich paßt sich auch die äußere Realität Ihrem inneren Zustand an. Falls Sie Kinder haben, versichern Sie sich selbst, dass Ihr Zustand zu einer Verhaltensstörung bei den Kleinen führen wird. Es ist Ihre Schuld, wenn die Kleinen den gleichen entsetzlichen Weg nehmen wie Sie selbst, Sie erleben ja inzwischen, dass man auch als Erwachsener seinen Eltern ausgeliefert bleibt.

    Hierher passen nun die esoterischen Werke: Hirnen Sie sich durch das I-Ging, buddhistische Werke, Schamanismus und vieles mehr, bis Ihnen wirklich bewußt wird, wie weit Sie sich von der Erleuchtung entfernt haben und wie anstrengend selbige sein muß. Entnehmen Sie diesen Werken niemals Hoffnungsvolles, sondern beschränken Sie sich auf Erkenntnisse wie "nicht mal Selbstmord wird mich retten ... Im Jenseits geht die Maloche weiter".

    Reden Sie über diese Themen ausschließlich mit Mitgliedern dieser Gesellschaft, die die Reizüberflutung von außen schätzen. Beispielsweise mit jemandem, der gerade einen hektischen Arbeitstag hinter sich gebracht hat. Er/Sie wird Sie darauf hinweisen, dass Ihnen Ihr Beruf nicht bekommt und Ihnen von Fällen erzählen, in denen Psychotherapien horrende Folgen hatten. Dies wird Ihren Eindruck verstärken, dass Sie beruflich sowieso auf der falschen Fährte sind. Sollten Sie jetzt immer noch über einen Bekanntenkreis verfügen, beginnen Sie, Ihre psychologischen Weisheiten an den Mann zu bringen, indem Sie in diesem Zustand alle Beteiligten darauf hinweisen, dass sie Probleme haben. Verwandeln Sie die witzigsten Parties in Trauerveranstaltungen, mit dem Hinweis, dass alles andere oberflächlich sei. So erreichen Sie, dass Sie nicht mehr eingeladen werden.

    Wir wünschen Ihnen jetzt viel Erfolg und gar keinen Spaß beim Erreichen eines gepflegten Weltschmerz-Niveaus. Bei Problemen können Sie sich vertrauensvoll an uns wenden.

    Prof. Dr. Depri
    Dr. Dr. Lustlos
    Dr. Dipl. Psych. Leidvoll
    Dr. Phil. Dipl. Psych. Gram
    Guru Maha Solai Ooohhhmmm


    Nächstes Mal in der Selbsterfahrungsgruppe:
    "Wir basteln uns eine Eßstörung",
    it dem berühmten Gastdozenten Prof. Dr. Kotz aus Essen.