| pieter |
Was Sie erwartet
… wir laden Sie, lieber Leser, ein … ebenso zum Lachen wie zum Weinen … ebenso zum Durchdenken wie zum Nachfühlen … ebenso zum Beharren auf dem, was Sie sind, wie zum Loslassen und Verändern … ebenso zum harmonischen Eingliedern in Ihre Umgebung wie zum aggressiven Rebellieren.
Wenn Sie am Ende sagen können, was »Gestalttherapie« ist, um so besser. Wenn nicht, auch nicht schlimm: Es geht uns nicht darum, Ihnen Lehrbuchwissen zu vermitteln, sondern Sie in einen Prozeß einzubinden, von dem wir hoffen, daß er für Sie erfreulich ist.
Manche sagen, man könne »Gestalttherapie« nicht beschreiben, sondern nur erleben. Da ist etwas Wahres dran. Darum haben wir, der erfahrene Gestalttherapeut Erhard und der beinharte Theoretiker Stefan, uns zusammengetan, um ein Wagnis zu beginnen: Ein Buch über Gestalttherapie, das die Gestalttherapie erlebar macht und dennoch nicht auf die Tiefe der Einsichten verzichtet, die die Gestalttherapie hinsichtlich des Menschen, seiner Psyche und seiner Gesellschaft bereithält.
Wir geben Ihnen zunächst unter der Überschrift »Zur Gestalttherapie« einen groben Überblick, was wir unter Gestalttherapie verstehen, wer wir sind, und was wir unter Gestalttherapie nicht verstehen. (»Grenzen ziehen« ist aus gestalttherapeutischer Sicht eine wichtige Lebenstätigkeit!) Dann lassen wir Sie dem Erhard bei seiner gestalttherapeutischen Arbeit »über die Schultern« blicken.
Auf diese Weise erhalten Sie einen kleinen Einblick in die Praxis der Gestalttherapie. Unter der »Skizze der gestalttherapeutischen Theorie« finden Sie zentrale Ideen kurz und knapp dargestellt. Es erschien uns lebendiger (wenn auch methodisch gesehen unsystematisch), die Praxis und die Ideen vor die Erläuterung der gestalttherapeutischen Grundbegriffe zu setzen: Wenn Sie schon einen Eindruck davon haben, wie die Gestalttherapie arbeitet, werden Ihnen die Begriffe hoffentlich nicht fremd und leblos erscheinen.
Ein paar Worte zur »Geschichte der Gestalttherapie« stehen am Ende, obwohl die meisten Einführungen mit ihr anfangen. Wir aber haben den Eindruck, daß es langweilig ist, Sie mit Namen, Daten und Entwicklungen zu konfrontieren, die sich auf eine Theorie und Praxis beziehen, von der Sie vielleicht noch nicht viel wissen. Falls Sie allerdings lieber mit der Geschichte beginnen – lesen Sie ruhig »von hinten nach vorn«. Das ist uns genauso recht. Nur Sie können am Ende sagen, ob uns das Wagnis, Sie zur Gestalttherapie einzuladen, gelungen ist. Bis dahin: Viel Spaß.
Erhard und Stefan, Köln im Februar 2000
Leseprobe 2
Zur Gestalttherapie
Fangen wir direkt schon mal an…
Vergessen bitte Sie alles, was Sie eventuell schon über die Gestalttherapie gehört haben. Sie haben noch nichts von ihr gehört? Um so besser.
Gestalttherapie ist eine Einladung. Eine Einladung, daß Sie sich in der Welt – neu? – orientieren. Neu? Muß nicht sein. Bestimmen Sie Ihren Standort. Schauen Sie sich genau um. Nehmen Sie wahr, wie Sie sitzen oder liegen, während Sie diese Zeilen lesen? Hart oder weich? Angenehm oder unbequem? Wie ist die Luft? Genügend Sauerstoff? Zu warm oder zu kalt? Genau richtig sollte es sein. Sie brauchen jetzt nicht gleich zum Fenster zu stürzen und es zum Lüften aufreißen. Fragen Sie sich lieber, warum Sie es gern so stickig haben! Lernen Sie, ihre Vorlieben zu schätzen. Verändern Sie sie nicht. Und wenn Sie das erreicht haben, werden Sie merken, daß sich alles um Sie herum verändert hat – ebenso wie Sie selbst mittendrin. Das nennen die Gestalttherapeuten das Paradox der Veränderung.
»Therapie« heißt ja bekanntlich so viel wie »Heilung«. Wenn Sie Husten haben, wissen Sie genau, worin die Heilung bestünde: keinen Husten mehr haben. Bei körperlichen Beschwerden besteht das Kriterium der Heilung in einer gewissen körperlichen »Normalfunktion«. Viele psychologische Richtungen gehen ähnlich vor: Man versucht, eine psychische »Norm« zu definieren, und alles, was da abweicht, wird »wegtherapiert«. Aber wollen Sie das? Sicherlich wollen Sie, daß ihr Körper »normal« funktioniert und Sie keine Schmerzen oder Beeinträchtigungen haben. Das könnte jedoch tief innen in Ihrer Seele ganz anders sein: Sie wollen gar kein »Normalbürger« mit statistischen Durchschnittseigenschaften und Durch-schnittsbedürfnissen sein. Wenn das so ist, sind Sie bei der Gestalttherapie richtig: Denn der Gestalttherapeut fragt nicht danach, wie Sie vom Durchschnitt abweichen. Er fragt danach, ob Sie sich mit sich wohlfühlen. Er möchte, daß Sie sich angemessen verhalten – angemessen Ihrer tatsächlichen Umwelt gegenüber und angemessen sich selbst gegenüber, so wie Sie nun einmal sind.
Das Kriterium für Heilung in der Gestalttherapie ist kein äußerer Maßstab, sondern die innere Gestalt: Fügt sich alles, was Sie sind, zu einem guten Ganzen? Oder gibt es Brüche und Widersprüche, Ungereimtheiten und Selbstbehinderungen, die Ihnen das Leben unnötig schwer machen? (Wir sagen: »unnötig«, denn ein leichtes Leben verspricht die Gestalttherapie nicht. Das tun nur Scharlatane). Dann können wir mit der Gestalttherapie schauen, was sich machen läßt, um das zu ändern.
Das wichtigste Instrument der Gestalttherapie, um herauszubekommen, was denn nun angemessen ist, ist die Wahrnehmung. Das sei ja simpel, denken Sie. Haben Sie schon einmal festgestellt, wie wenig Sie (und, unter uns gesagt, wir alle) wirklich wahrnehmen? Zu Beginn des Kapitels haben wir Sie gefragt, in welcher konkreten Umgebung Sie dieses Buch lesen. Wir haben bei den Fragen einiges vergessen: Farben zum Beispiel und Gerüche. Versuchen Sie einmal, Ihre nächste Umgebung ganz genau zu beschreiben. Das ist gar nicht so einfach und ziemlich langwierig. Vergessen Sie sich selbst dabei nicht: Was haben Sie an? Wie atmen Sie? Schmerzen vielleicht Ihre Augen? Wie geht es Ihrem großen Zeh?
(Meiner ist kalt.) Das meiste, was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen könnten, geht an uns vorüber. Das ist übrigens auch gar nicht schlimm. Es ist im Normalfall sogar ein Glück. Denn wenn wir immer alles ganz genau wahrnehmen wollten, kämen wir nie dazu, irgendetwas zu tun (außer wahrzunehmen). Die menschliche Wahrnehmung ist so angelegt, daß immer nur das Wichtige in den Vordergrund rückt. Das andere wird beiläufig als Hintergrund wahrgenommen. So nehmen Sie nicht genau wahr, wie es Ihrem Fuß geht. Aber ist er »eingeschlafen«, tritt die Wahrnehmung des Fußes in den Vordergrund und die andere Tätigkeit, etwa das Lesen dieses Buches, tritt in den Hintergrund, und Sie schütteln Ihren Fuß aus. Diesen Vorgang nennt die Gestalttherapie Figur-und-Grund-Prozeß.
In den Prozeß von Figur und Grund braucht durch Therapie nur dann eingegriffen zu werden, wenn er nicht mehr so abläuft, daß Sie zufrieden sind. Beispielsweise sind Sie so darauf fixiert, dieses Buch zu lesen, daß Sie vergessen, etwas zu essen. Das ist schlecht. Also sollten Sie lernen, ihrem Bauch und dessen Bedürfnissen mehr zuzuhören. Oder umgekehrt, Sie haben eine derartige Abneigung gegen das Lesen, daß Sie, sobald Sie dies Buch aufschlagen, Durst bekommen, das Buch weglegen und erst einmal etwas zu trinken holen. Auf diese Weise kommen Sie mit dem Lesen nicht weiter. Da sollten Sie dann lernen, wahrzunehmen, was Sie wirklich in einem Moment wollen.
Die therapeutische Arbeit an der Wahrnehmung ist eher mit dem Erleben als mit dem Verstehen verbunden. Wahrnehmung stellt immer eine enge Beziehung zwischen Ihnen und Ihrer Umgebung (zu der auch Ihr Körper gehört) her. Sie nehmen Ihre Befindlichkeit und die Befindlichkeit ihrer Umgebung wahr, und das meiste, was Sie wahrnehmen, hat auch einen Gefühlswert. Wahrneh-mung ist nicht wertfrei. Bei vielen Gerüchen, die Sie wahrnehmen, kommen Ihnen Erinnerungen, gute oder schlechte. Auf jeden Fall wird fast jeder Geruch entweder angenehm oder unangenehm sein. Das gleiche gilt für Farben, Formen und dergleichen mehr.
In der Gestalttherapie wird darum mit Ihrem eigenen Erleben gearbeitet: Indem Sie Ihre Wahrnehmung schärfen, erleben Sie sich und Ihre Umwelt. Dadurch kommt eine Veränderung zustande, wenn es um eine solche geht. Ihnen wird nicht, wie in manchen anderen Psychotherapien »erklärt«, wie Sie in der Welt sind und wie die eventuell unheilvollen Verstrickungen zustande kommen. Nicht das Verstehen (aufgrund von Erklärung), sondern das Erleben (aufgrund von Wahrnehmung) heilt nach Ansicht von der Gestalt-herapie.
Die Arbeit an der Wahrnehmung bringt noch ein zentrales Kennzeichen der Gestalttherapie mit sich: Die Gestalttherapie hat ihr Augenmerk auf der Gegenwart, auf, wie die Gestalttherapeuten sagen, dem Hier-und-Jetzt. Wahrgenommen (und erlebt) wird immer in der Gegenwart. Natürlich kann die Wahrnehmung, zum Beispiel von Zimtduft, eine Erinnerung etwa an Weihnachten in der Kindheit wachrufen. Gleichwohl bleibt die Wahrnehmung in der Gegenwart. Es ist auch nur die Gegenwart, in der Sie handeln und eventuell etwas verändern können. Die Vergangenheit steht fest (jedenfalls von den Fakten her, nicht aber von der Beurteilung her), und die Zukunft steht noch nicht fest. Wenn Sie sich also zu stark auf die Vergangenheit fixieren, werden Sie nichts ändern können. Wenn Sie dagegen mit Ihren Gedanken stets versuchen, die Zukunft vorwegzunehmen, werden Sie immer nur daran denken, etwas zu tun, den Zeitpunkt des Handelns allerdings häufig verpassen.
Wahrnehmen heißt also auch: sich nicht durch Erinnerungen in der Vergangenheit festhalten oder durch Angst vor der Zukunft bewegungsunfähig machen zu lassen, sondern um sich zu schauen und festzustellen, was »wirklich Sache ist«. Auf diese Weise stärkt die genaue Wahrnehmung unsere Handlungsfähigkeit.
Ich bin selbst aus dieser schule und habe immer wieder entdeckt wie nah die Client-Therapeut-beziehung sein kann. LG Pieter. |
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| majong |
Danke für diesen schönen Gestalt-Thread, lieber pieter!
Meine Heilpraktikerin ist absolute Pearls-Anhängerin und lässt diese Einflüsse nun schon seit 10 Jahren in der Arbeit mit mir einfliessen.
So war denn meine Wandlung von der "Besser-nichts-fühlerin" zur heutigen "leider-oft-alles-fühlerin".
Was bin ich an einigen Stellen froh, dass ich z.Zt. "nur" eine Gesprächstherapie mache, ich halte mein sensorisches Feinempfinden im Alltag ja manchmal kaum aus.
Aber nichtsdestotrotz gefällt mir die Gestalt-Therapie am besten, weil sie wirklich ans Eingemachte geht und dem zu Therapierenden sein Potential am besten offenlegt.
Ich habe mal ein Jahr in Bezug auf meine Berufungs-Findung mit einem Gestalttherapeuten gearbeitet. Und am besten gefiel mir an seiner Arbeit: Ich konnte was tun, konnte kreativ sein, mich wirklich künstlerisch ausleben und mich dadurch ein ganzes Stück weiter lieben lernen.
Soweit...lieben Gruss,
Majong  |
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| pieter |
| Hallo, Majong es wundert mich schon eine weile das es in Deutschland so wenige menschen gibt die in eine Gestalttherapeutische setting behandelt werden. Auch für misbrauchopfer kan es ein sehr näheliegende form von therapie sein. Schön das du solche gute erfahrungen gemacht hast. LG Pieter. |
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| uli |
Hallo Pieter,
also das hört sich für mich klasse an, wann kann man das fertige Buch bei Dir bestellen?
Einen lieben Gruß
Uli |
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| undine |
Lieber Pieter,
vielleicht ist Gestalttherapie hier nicht so gefragt, weil ein unabhängiger Geist so unbequem ist. Jetzt hat man für die Ausbildung nur noch die Wahl zwischen Verhaltensth. u. Tiefenpsycholog. Therapie. Alles andere ist nicht abrechenbar. Super.
Undine |
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| lisa |
Hallo
meine Gestalttherapeutin hat mir damals das Buch von Paul de Röck "Gras unter meinen Füßen" empfohlen. Das ist wirklich ein sehr schönes und interessantes Buch, was ich immer und immer wieder lesen kann!
Lieben Gruß
Lisa |
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| felixnewborn |
:gruss:
felix |
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| calvine |
Hallo pieter,
auch nochmal Danke für diesen Beitrag...
Gestalt hat hier in Deutschland aus ganz interessanten Gründen wenig oder keine staatliche Lobby.
Der Klient ist als grundsätzlicher Selbstzahler aber auch in anderer Verantwortung..
Unabhängig davon, ob es finanziell möglich ist, halte ich allein das für die beste Therapeut/Client-Beziehung.
Falls mehr Informationen gebraucht werden:
www.gestalt.de
+
www.therapeutenadressen.de
LG
Calvine, hier als Gestalt-Fan |
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